Ein Tagebuch
08.18.2004
 

Nun, da Lukas an verschiedenen Orten in der Welt weilt hat er natürlich jede Menge neue Eindrücke und Erlebnisse, die wir niemandem vorenthalten wollen:-)

Wir wünschen allen viel Freude beim Lesen.

Wer ihm schreiben will:
lukas.allemann@gmx.ch

Iran 2005
08.08.2005

Korea 2004
14.11.2004
30.11.2004
15.12.2004


salam aleikom
08.08.2005
 

bismilah rahman y rahim... (I begin in the name of the Lord the mercyful)

nun habe ich es also endlich geschafft liebe freunde: ich bin im land der "tausend und einen nacht". es kommt mir vor wie wenn ich bereits eine ewigkeit hier wäre. Zum einem liegt das daran das die trainings ziemlich anspruchsvoll sind (hier sind alles kanonen von den junioren bis zu den taekwondo grossvätern), zum anderen weil ich total herzlich vom team aufgenommen wurde und mich vom ersten Tag an wie ein Iraner fühlte, mit einer leichten sprachbariere versteht sich...

wo soll ich beginnen? ... am besten mit dem was mir am nächsten ist... als ich um 4 uhr morgens völlig ubermüdet von der reise im center angekommen bin sah ich mich mit der ersten herausforderung konfrontiert: den abgrund den man hier tualet nennt. hmm... ok. keine schüssel kein papier. nur ein wasserschlauch. ungewohnt fur den körperentfremdeten west-europäer sich mit seinem alllerwertesten derart taktil und intim auseinanderzusetzen! man gewöhnt sich daran!
naturlich stosse ich hier auf die bereits gewohnten probleme: am 2. tag musste ich zum trainer der mich fragte: "wieso isst du nichts?" wie bitte? ich esse doch... "nein. wieso nicht?" unverständniss meinerseits. aha! nein-nein ich bin vegetarier! "gut dann kriegst du lamm." nein-nein kein fleisch "gut dann kriegst du huhn." tut mir leid auch nicht! und schon gehörte ich fur ihn zu einem anderen sternensystem, halb bemitleidet halb beleidigt.

die iranis stürzen sich auf das essen als ob es ein feind wäre den es in kürzester zeit zu vernichten gilt. habe richtig mühe mitzuhalten.. wenn gespiesen wurde wird unverzüglich aufgestanden und ohne rücksicht auf verluste das schlachtfeld verlassen. zuruück bleibt ein verlorener vergetarier der immernoch auf seinem reis rumkaut.
etwas befremdend ist auch wenn man eine konversation beginnt und erwähnt dass man aus der schweiz kommt. sofort erhält man die antwort: "sehr gut! wir perser sind auch arier!" da zuckt man am anfang ziemlich zusammen ich sags euch..
ansonsten sind die iraner sehr warmherzige menschen mit den selben ideen bedürfnissen und wünschen wie junge menschen auf der ganzen welt. wenn man den medien glaubt hat man ja das gefühl jeder der einen kaftan trägt ist ein terrorist. ich habe das grosse privileg 1:1 erfahren zu dürfen das dem nicht so ist!
am abend sitzen wir im kreis in einem zimmer, es wird erhitzt geredet, wild gestikuliert und noch wilder gegessen. 5 mal am tag heisst es: "lukas, salat!" - am anfang dachte ich super etwas fur das vegetarierherz, aber nichts fur den vegi: "lukas, gebet!". egal ob daneben telefoniert wird, der fernseher läuft oder fünf leute am essen sind: gebet ist gebet ist gebet.
dies sind meine ersten eindrücke schreibe alles in windeseile, weil sich hinter mir eine schlange bis nach bhagdad bildet (alle wollen mailen...)

in diesem sinne -
persische grüsse
der arier lukas

ps.: auf gross klein schreibung wurde bewusst verzichtet, ansonsten blamiere ich mich zu sehr und für interpunktion gilt weiterhin: ich habe keine ahnung davon...

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Annyeonghaseyo Liebe Freund
14.11.2004
 

Mir geht es gut. Ein Traum ist wahr geworden: Bin im Mutterland des Taekwondo angekommen und trainiere an der besten Universitat von Korea. Die Reise bis zur National Sports University war ein Abenteuer. Nur mit einem Stück Papier mit koreanischer Schrift und einem Namen habe ich mich schliesslich bis zu meinem Kontakt-Mann durchgekämpft. Von da an hat sich alles verselbstständigt: schwup Hotel und natürlich schwup Training!

Die Koreaner sind ein seltsames Volk. Sie haben ein intensives Verlangen nach Kommunikation werden aber durch die Sprachbarriere (fast niemand kann Schweizerdeutsch ;)und leider etwa gleichviel Englisch)und der damit verbundenen Blösse die sie sich geben wurden gehindert (Und mein koreanisch beschränkt sich auf dwit-chagi (back kick), auch nicht in jeder Situation passend...)
Dies führt zu den lustigsten Gegebenheiten und den schwerwiegendsten Missverständnissen wie ihr euch vorstellen könnt. Die Sprache ist eben doch die Quelle aller Missverständnissen. Nonverbal ist es aber nicht viel leichter sich im kulturellen Gewand Koreas zu Bewegen. Das Alter und die Beziehung des Gegenübers bestimmen physischen Abstand, Körperhaltung und Umgangsformen. Aber mit den Langnasen, in dem Fall DER Langnase ;) ist man etwas grosszügiger.

Ein echtes Problem ist jedoch die Nahrung. Chaeshik juui imnida (Ich bin Vegetarier)wird meist mit Kopfschütteln und Unverständnis quittiert. Es kommt schon vor, dass ich an einem Abend in 5 verschiedenen Restaurants mein Sätzchen aufsagen muss... Die ersten 3 Tage habe ich nur Bibimbap gegessen.
Dazu noch Rezept. Hatte es furchtbar gerne bevor ich herkam...jetzt finde ich es nur noch furchtbar.

Wenn man hier kleine, niedliche flauschige Hunde in einem Schaufenster sieht, dann ist das keine Zoohandlung sondern ein Lebensmittelgeschäft. Muss jeden Tag auf dem Weg zur Uni daran vorbeigehen. Plane schon eine grosse Befreiungsaktion fur den Tag meiner Rückreise: Viva la revolution! Viva la libertad! Viva el vegetariano!

Aber ich bin ja schliesslich nicht zum Essen nach Korea gekommen! Trainiert wird hier dreimal am Tag a 2 Stunden das Uni-Team besteht aus ca. 70 Leuten, wovon die Hälfte im Einsatz ist (Die anderen sind verletzt). Aber alle sind extrem schnell woran ich mich erst gewöhnen musste. Wenn Taekwondoins das erste mal nach Korea gehen glauben sie die haben vier Beine die Koreaner. Aber die haben doch nur zwei, ich kanns bestätigen!
Gestern beim sparring habe ich einen "Zweibeiner" erwischt, er ist gefallen und hat sich die Schulter ausgekugelt. Alle starrten mich mit einer Mischung aus Unglauben und Wut an...da dachte ich nur noch "Luki, Luki jetzt gohts ums Überläbe..." Punkten konnte ich dafür am nächsten Tag beim Joggen als ich als dritter ins Ziel kam. Plötzlich haben sie mir Fragen gestellt mit mir geredet und ein Eis spendiert (bei etwa 0 Grad Celsius).
Trotzdem behalte ich eine Weisheit meines Vaters im Hinterkopf: "Immer e biz mistrauisch bliebe und d Knarre in griffwyti, wie dr John Wayne." Survival of the fitest! Lets play the Game...

ege anbu jeonhae juseyo
kindest regards

Lukas

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Annyeonghaseyo Freunde
30.11.2004
 

Mir geht es soweit immer noch gut im fernen Korea. Habe immer stärker das Gefühl genau jetzt hierher zu gehören, obwohl es wie ihr euch denken könnt manchmal physisch und psychisch anstrengende Momente gibt. Aber was uns nicht umbringt...
oder wie der Buddha meinte: Freude ist nur eine andere Form von Leiden, Leben bedeutet Leiden.

Habe mir im Training den Fuss verstaucht und besuchte in einem Hinterhof eine traditionelle koreanische Ärztin, die mir empfohlen wurde. Noch ehe ich mich versah, lag ich auf der Bahre mit 11 Akupunktur-Nadeln im Fuss. Behandelt wurde ich mit Wärmebeutel, Elektro-Therapie, Akkupunktur eben, eine Art Aderlass, Injektion mit Bärenleber (wenn ichs schon nicht esse geb ich′s mir hald intravenös! :), Taping, und Medizinal-Tee das alles für nur 5 Sfr.!
Ich sags euch: unsere Arzte sind Gauner! Hat genial gewirkt: Nach 2 Tagen war die Schwellung weg! Würde die Ärztin gerne in die Schweiz mitnehmen...

Am Wochenende habe ich mir dann ein starkes Stück Kultur zugemutet: Besuch in einem öffentlichen Bad! OK: ihr müsst euch das so vorstellen - alle rennen nackt rum (gents only). Bevor man badet wird geduscht (mit einer Intensität und Leidenschaft geschrubbt wie ichs noch nie gesehen habe!), putzt sich die Zähne und rasiert sich (Dabei wird gegrunzt, gespuckt und eben...).
Dann gehts ab in die verschiedensten Bäder von kalt bis H**** - jedem Tierchen sein plaisierchen. In den Saunas stehen die Koreaner und machen Kniebeugen. Am Wärmsten ist es in den Bädern wo die Alten sitzen - Blasen Insuffizienz oder einfach nur Rheuma? Habe mich für Erklärung zwei entschieden...
Nun und dann sitzt man eben in diesen Bädern, und sitz so da, sitzt eben da, denkt vielleicht - vieleicht auch nicht...und sitzt so... in trauter Stille. Die erste Halbe Stunde habe ich alle möglichen und unmöglichen Blicke geerntet: Von abgrundtiefer Verachtung über Neugierde bis zu Anerkennung - das ganze Programm. Aber einmal damit abgefunden konnte ich sogar entspannen, und hatte eine lustige Erfahrung mehr in meinem Rucksack. Hoffe ich langweile euch nicht zu sehr mit meiner kulturellen Verarbeitungstherapie...

Die ganze letzte Woche fanden im Kukkiwon (TKD-Headquaters) die koreanischen Meisterschaften statt. Eindrückliches Niveau! Habe noch an keinem Turnier soviele Kopftreffer wie hier gesehen. Die 4 Erstklassierten kämpfen nächsten Monat um den Platz in der Nationalmannschaft - mit dabei etwa 10 Stück aus meiner Uni. Diese Woche gehts weiter mit regulärem Training und alle sind natürlich hochmotiviert - jedes Training auf Leben und Tod! Lerne viel von den Ureinwohnern...

Vielen Dank für all Eure lustigen, tröstenden, besorgten und ehrlichen Mails! Machen mir Mut und Freude!

Koreanische Grüsse aus dem Chagi-Land
Lukas

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Annyeonghaseyo chin gu's
15.12.2004
 

Die Zen(kor. Seon)-Patriarchen meinten folgendes: "Es gibt drei essentielle Dinge im üben des Do: Das erste ist grosser Glaube; das Zweite grosser Wille; und das dritte grosser Zweifel. Fehlt eines dieser drei, wird das Üben nutzlos. Grosse Erleuchtung kommt von grossem Zweifel."

Ihr könnt euch nicht vorstellen wie tief mich diese Worte hier in Korea berühren! Gefühle wechseln im Minutentakt. Abgründe und Gipfel der eigenen Seele öffnen sich im Spiegel der Isolation. Alles in der Gewissheit, dass Entwicklung in den Extremen am intensivsten stattfindet. Von Zeit zu Zeit bleibt auch nur eine Ahnung übrig...

Es ist kalt geworden hier in Seoul (-2), aber die Herzen der Koreaner warmer(+20). Habe nun einige Kims, Moons, Lees und Kangs kennen gelernt. Es gibt in Korea nur eine sehr begrenzte Zahl an Familien-Namen. Allein die Kombination mit dem Vornamen bestimmt die angesprochene Person. (Das chinesische Schriftzeichen fur die Familie ist aber jeweils eindeutig) Der super Tourist aus der Schweiz ruft natürlich in der U-Bahn freudig aus: "Kim!" und ist erstaunt, dass 10 Leute sich umdrehen...

Am Sonntag ist es dann passiert. Meine von Heimweh geplagte Seele hat ein Restaurant mit der Aufschrift "Swiss Fondue" entdeckt. Ich weiss, ich weiss... ihr hattet mich alle gewarnt!

Eine Koreanerin im Dirndel begleitete mich an meinen Tisch, im Hintergrund Rap-Musik, sie hat mir erklärt wie man Fondue isst - 5 Minuten später kam mein "Fondue" in einem Bibimbap-Topf (siehe "Lebenszeichen aus Korea"). "Brot" könnt ihr euch vorstellen (schlechtes Brot hat jeder schon mal gegessen), "Fondue" könnt ihr euch nicht vorstellen!!! Niemand hat jemals ein derart schlechtes Fondue gegessen wie ich!

Da sas ich nun, alles pervers weinachtlich dekoriert, vor einer erbärmlichen Käsesuppe, Eminem sang mir ein Ständchen und die Kellnerin fragte mich alle 3 Minuten: "Good? Good? Swiss Fondue! Swiss Fondue!" Soviel zum Thema Heimweh - Wilhelm Tell hatte daneben geschossen und anschliessend Suizid begangen.

Taekwondo-mässig bin ich wirklich am Puls des Geschehens. Letzte Woche erschien eine Firma an der Uni und lies uns eine neue Schutzausrustung für Füsse und Fäuste Testen. Eine Art Handschuhe a la Oberkellner, die mit Klettverschluss versehen sind. Ballt man die Faust kann man sie kaum mehr öffnen! Für die Füsse auch ein Mäntelchen aber mit extra Öffnungen fur Zehen und dÜnnem Spanschuz. Die WTF fÜhrt jetzt mit diversen Teams Tests durch und am nächsten Turnier wird bereits damit gekämpft. Setzt sich sich auch bei uns durch. Ist ein lustiges Gefuhl damit zu trainieren; eine Mischung aus Boxen und Mortal Combat - sieht futuristisch aus!

Diese Woche fahren wir mit dem Team fur sieben Tage in ein Camp...mehr weiss ich auch nicht, ausser dass alle Koreaner bereits jetzt Angst vor dem Training dort haben...lasse mich uberaschen... "Humor ist wenn man trotzdem lacht!"

Ich habe hier viel Taekwondo gesehen. Nicht nur das der kleinen Elite die zwischen 20 und 30 jährig ist. Was wir bei unserem Lehrer bekommen ist ein Geschenk, das auf der ganzen Welt seines gleichen suchen muss. Würdigt es mit einer starken Prüfung, ich tue mein bestes hier!

ege anbu jeonhae juseyo
Euer Fast-Koreaner
Lukas

Ps.: Bin fast gestorben (vor Lachen für einmal) als ich herausgefunden habe was Einzel-Zimmer heisst und wies geschrieben wird, stimmt wirklich: "Singel Lum"! Zum Glück heisse ich nicht Rodrigo Rohrschach!

Lukas

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